Übersetzerinnen der Odyssee

Eines ist leider sicher: Werke wie die Odissea und die Ilias sind „ungesunde Machismus-Träger". Damit meine ich, dass sie nicht nur eine androzentrische Sichtweise und eine Summe von Werten widerspiegeln, die mit der patriarchalischen Kultur der Zeit, in der sie ausgearbeitet und niedergeschrieben wurden, verbunden sind; sondern dass leider oft eine gewisse frauenfeindliche Perspektive auch ihre Übersetzung und damit ihre Übertragung und Rezeption bis heute geprägt hat.

Ich will jetzt keine Diskussion über männliche Hegemonie im Bereich der klassischen Philologie eröffnen, deren Ursachen ich zumindest in der Gegenwart nicht analysieren kann. Aber es ist eine Tatsache, dass z.B. speziell bei Homer Übersetzungen von Frauen auch in jüngster Zeit eine Seltenheit bleiben.

Als ich der Sache nachgegangen bin, habe ich bald gemerkt, was für ein Glück ich habe: öfters kehrt auf meinen Nachttisch Frau Rosa Calzecchi Onesti zurück, deren zweisprachigen Ausgaben von Ilias und Odissea in Blankversen in Italien seit den 50er/60er Jahren sehr beliebt und geschätzt sind. Und Italien ist scheinbar das produktivste Land, was Übersetzerinnen von Homer angeht: ich habe insgesamt fünf gezählt, dazu kommen zwei Französinnen (darunter die erste überhaupt, Anne Le Fèvre Dacier im 18. Jh.!), eine Engländerin und eine Amerikanerin (ganz aktuell und nach etwa 60 männlichen Übersetzungen), eine Kubanerin, eine Niederländerin, eine Türkin. Auf Deutsch: keine.

Die jüngste Übersetzung überhaupt ist Emily Wilsons 2016 erschienene Odissea . Noch aktueller ist der Essay Homer’s Daughters. Women’s Responses to Homer in the Twentieth Century and Beyond, herausgegeben von Fiona Cox und Elena Theodorakopoulos (Oxford University Press, 2019). Das letzte Kapitel des Bandes ist soeben von Emily Wilson, die sich hier mit der Frage weiblicher oder "feministischer" Übersetzungen befasst und deren extreme Notwendigkeit unterstreicht: so "schmerzhaft" diese Übersetzungen auch sein mögen, da man gezwungen ist, sich mit den vielen frauenfeindlichen Elementen des Originals zu konfrontieren, so können sie doch zumindest dazu beitragen, eine neue, weniger irreführende Fassung weiterzugeben, die nicht von männlichen Interpretationen geprägt ist.

Ich möchte nun nur zwei konkrete Beispiele anführen (die auch zu denen gehören, die Wilson in dem oben erwähnten Aufsatz anführt), wie eine frauenfeindliche Perspektive in der Übersetzung in einigen Fällen das Verständnis von Homers Text direkt verfälscht und seine ohnehin schon ausreichend machistische Sichtweise sogar noch verschlimmert hat.

In 4. Gesang reist Telemachus auf der Suche nach Informationen über seinen Vater nach Sparta und wird dort von Menelaos und Helena empfangen. Als diese erzählt, wie der Trojanische Krieg begonnen hatte, nennt Helena sich selbst κυνῶπις (kunòpis, 4.145), was wörtlich "hundegesichtig" oder "hundeäugig" bedeutet. Dieses ohnehin sehr seltene Adjektiv wird sonst im Femininum nur in Bezug auf Göttinnen (einschließlich der Furien) verwendet und ist von unklarer Charakterisierung. Ein Hund kann als Haupteigenschaft haben, aggressiv zu sein, aber auf der anderen Seite auch unterwürfig (also " kleinlich", höchstens), und tatsächlich erlauben die Präzedenzfälle in anderen griechischen Texten nicht unbedingt eine sehr gebräuchliche Übersetzung, nämlich die von "Hündin" im Italienischen (sogar Calzecchi Onesti fällt darauf ein, leider), was wiederum den Sinn impliziert, der den englischen Übersetzungen durch die verschiedenen "shameless", "bitch", "whore" gegeben wird. In der deutschen Übersetzung, die ich besitze, von Anton Weiher, heißt es übrigens "wegen meiner hündischen Augen" (yes, you can, man!).

Ein weiteres 'kritisches' Wort ist δμωαί (dmoài), das man allgemein etwas anachronistisch mit "Mägde" übersetzt findet (übrigens auch im Rocci, meinem Wörterbuch aus der Schulzeit). Aber die Mägde der Odissea, zum Beispiel jene berühmten dreizehn Mägde, die des Verrats beschuldigt werden, weil sie mit Penelopes Freiern gelegen haben, konnten in Wirklichkeit diesem Liegen nicht entkommen, denn sie waren keine "Mägde", sondern "Haussklaven" im eigentlichen Sinne, denn das ist es, was der Begriff bedeutet. Offensichtlich ist in derselben Passage (22.461-73) für jeden etwas dabei (diesmal nicht für Calzecchi Onesti!), und wo Telemachus sie mit einem generischen weiblichen Pronomen ("sie", "jene") bezeichnet, haben mehrere Gentlemen losgelegt und zwar mit "whores", "sluts" oder sogar "creatures" (Weiher verwendet "Weiber", was zwar keine direkte Beleidigung, aber auch nicht ganz neutral ist).

Ich schließe mit einem Zitat von Wilson, weil er deutlich zum Ausdruck bringt, was einer der Hauptantriebe auch für mein Projekt Odysseiai, f.pl.

"Es wäre für eine feministische Übersetzerin möglich, androzentrische Texte wie die Odissea einfach nicht zu übersetzen. [...] Aber wenn keine Feministinnen klassische Texte übersetzen, dann werden sich Studenten und allgemeine Leser auf Übersetzungen verlassen müssen, die unkritische moderne Annahmen über Sex und Gender inkludieren. Ich habe mich verpflichtet gefühlt, den griechischlosen Lesern einen zuverlässigen, maßgeblichen Ersatz für den griechischen Text zu liefern, der seine komplexen Darstellungen sozialer Ungleichheit, einschließlich der Ungleichheit der Geschlechter, ernster nimmt, als es meiner Meinung nach bisher getan wurde. (ibidem, S.282)

 

Die Übersetzerinnen des Homerischen Epos in chronologischer Reihenfolge nach Übersetzung

Anne Le Fèvre Dacier (1647-1720), ins Französische: Ilias (1699), Odissea (1716)
Cornelia Sale Mocenigo Codemo (1792-1866), ins Italienische: Odissea (1848)
Laura Mestre Hevia (1867-1944), ins Spanische: Ilias, Odissea (ca. 1930, sono stati pubblicati solo frammenti)
Jolanda De Blasi (1888-1964), ins Italienische: Ilias (1944)
Rosa Calzecchi Onesti (1916-2011), ins Italienische: Ilias (1950), Odissea (1963)
Azra Erhat (1915-1982), ins Türkische: Ilias (1959), Odissea (1970)
Maria Grazia Ciani (1940), ins Italienische: Ilias (1990), Odissea (1994, 2000)
Imme Dros (1963), ins Niederländische: Odissea (1991, 2016), Ilias (2015)
Dora Tomasone Marinari (1931-2013), ins Italienische: Ilias (2010), Odissea (2012)
Caroline Alexander (1956), ins Englische: Ilias (2015)
Emily Wilson (1971), ins Englische: Odissea (2017), Ilias (2023)

 

Titelbild: Gruppenfoto der Übersetzerinnen, immer in der chronologischen Reihenfolge der Übersetzungen. Ich konnte keine Bilder von Sale Mocenigo Codemo und Laura Mestre Hevia finden.

 

Beitrag aktualisiert am 29.02.24: falsche Zuordnungen von Fotos zu Personen korrigiert; Hélène Tronc aus der Liste entfernt, da nicht beweisbar ist, dass sie aus dem Griechischen übersetzt hat (sie ist Übersetzerin, aber vorwiegend aus dem Englischen, und wird sonst nirgends erwähnt); Reihenfolge der Liste der Übersetzerinnen geändert; Titelbild neu gestaltet.

You may also like

Leave a comment

DE